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RSSPrint

Eine Woche Rast in den Bergen

04.02.2020

„Alleinerziehend, aber nicht allein.“ Das Motto der Reise, auf die sich Franziska Krämer am Montag vom Finsterwalde aus begeben hat, ist Programm. Der evangelische Kirchenkreis Niederlausitz lädt bereits zum dritten Mal Mütter mit ihren Kindern zu einer Reise in das Zittauer Gebirge ein. In der evangelischen Freizeiteinrichtung „Haus Gertrud“ in Jonsdorf nehmen sie für fünf Tage eine Auszeit. Alle mitreisenden Frauen teilen das Schicksal, alleinerziehend zu sein. „Wir wissen, dass der Alltag von Frauen, die sich allein um die Kinder kümmern müssen, häufiger von Sorgen und Stress geprägt ist. Mit unserer Freizeit wollen wir einen Ausgleich ermöglichen“, sagt Angela Wiesner, leitende Gemeindepädagogin im Kirchenkreis Niederlausitz und für die Arbeit mit Familien zuständig. Gemeinsam mit ihren Kolleginnen Annett Berger und Carolin Golze wird sie die 16 Frauen und die 21 Kinder begleiten. Franziska Krämer aus Goßmar bei Sonnewalde fährt mit ihren Kindern bereits zum zweiten Mal mit nach Jonsdorf. Vor drei Jahren hat sie durch einen Unfall ihren Mann verloren. Josephine und Stephanie waren damals sieben und drei Jahre alt. Seitdem meistert die 37-Jährige den Alltag mit den beiden Mädchen allein. Von der Reise hat sie erstmals in einer Veröffentlichung des Kirchenkreises gelesen. Die Möglichkeit, sich mit anderen Frauen austauschen zu können, findet sie gut. „Manche Sorgen und Nöte verstehen eben nur Gleichgesinnte. Einmal haben wir bis in die Morgenstunden hinein zusammengesessen und uns gegenseitig unsere Geschichten erzählt. In Jonsdorf können wir ungehindert über unsere Erfahrungen sprechen. Das Verständnis ist einfach anders“, sagt sie.

Die inzwischen sechsjährige Tochter Stephanie war es, die den Anstoß gab, sich in diesem Jahr wieder anzumelden. Kurzfristig konnte Franziska Krämer Urlaub nehmen. In Jonsdorf werden sie Wandern, eine Salzgrotte besuchen, Schlittschuhlaufen und Ausflüge nach Zittau unternehmen. Das Programm der ist Reise strukturiert. „Täglich gibt es gemeinsame Aktivitäten und auch Zeiten, in den die Mütter für sich allein sein können. Für die Kinder bieten wir dann Beschäftigung an. Wir basteln mit ihnen, lesen und hören Geschichten oder sorgen einfach nur dafür, dass die Kleinen im Spielzimmer gut betreut werden“, berichtet Angela Wiesner. Im Kirchenkreis wurde vor drei Jahren die Idee geboren, ein Angebot für alleinerziehende Mütter zu schaffen. Innerhalb kurzer Zeit waren alle Plätze für die erste Fahrt nach Jonsdorf vergeben. Das Interesse sei nach wie vor groß. Selten melden sich die Frauen selbst. Oft seien es Eltern, die sich erkundigen und ihre alleinerziehende Tochter anmelden wollen. So war es auch bei Familie Arras aus Finsterwalde. Petra Arras hatte in der Lausitzer Rundschau gelesen, dass es die Freizeit gibt. Sofort hat sie an ihre Tochter Sandra und die Enkeltochter Annabell gedacht. Beide gehen nun mit auf die Reise. Für die dreijährige Annabell ist es die erste große Fahrt mit einem Bus. Angela Wiesner berichtet von Frauen, die noch nie mit ihren Kindern im Urlaub waren, weil das Geld einfach nicht reichte. Anderen fehlte der Mut, sich allein aufzumachen. Und es gibt viel Ermutigendes zu berichten. Sie erinnert sich an die junge Frau, die zum ersten Mal in ihrem Leben das Selbstvertrauen fand, Schlittschuhe anzuziehen und an die ersten stolzen Runden auf dem Eis drehte. Sie erzählt von den Müttern, die sich von den täglichen Andachten berührt und gestärkt fühlen. Die Wenigsten sind Christinnen wie Franziska Krämer. Das Beten hat ihr und den Kindern in der schweren Zeit nach dem Verlust des Ehemannes und Vaters geholfen. Andere machen in Jonsdorf erste Erfahrungen mit dem christlichen Glauben. „Ob und woran die Frauen glauben, spielt bei uns keine Rolle. Mitreisen kann jede. Wir erwarten lediglich Toleranz und Offenheit. Wenn das Reiseerlebnis und die Erfahrungen helfen, den Alltag besser zu bewältigen, haben wir unser Ziel erreicht“, betont Wiesner. Die fünftägige Reise mit Vollverpflegung ist erschwinglich. Dass die Mütter nur 50 Euro bzw. 25 für jedes Kind zahlen müssen, ist den Unterstützern zu verdanken. Der Kirchenkreis Niederlausitz übernimmt den Löwenanteil. Förderung gab es bislang auch von der Stiftung „Kirche im Dorf“ und dem Amt für kirchliche Dienste. Beim Kirchenkreis denkt man gegenwärtig über ein Angebot für alleinerziehende Väter nach. In diesem Jahr bleiben die Frauen noch unter sich. Franziska Krämer freut sich auf die Tage im Erzgebirge. Sie hat ein Buch im Gepäck. Außerdem will sie das Mobiltelefon öfter mal ausschalten und buchstäbliche Auszeit genießen.