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Endstation Tröbitz

Erinnerungen an den "Verlorenen Zug".

Werner Mann aus Tröbitz gehört zu den letzten Zeitzeugen, die heute von den Ereignissen rund um den sogenannten „Verlorenen Zug“ berichten können. Am 23. April 1945 versteckte sich Familie Mann aus Angst vor den „Russen“ - gemeint sind hier die Angehörigen der Sowjetarmee - im Keller ihres Gasthauses in Tröbitz, Landkreis Elbe-Elster. „Plötzlich stand ein ausgemergelter Mann in der Tür. Ich weiß nicht, wer mehr Angst hatte, er oder wir“, berichtet der heute 87-Jährige. Jedenfalls war es keiner der gefürchteten „Russen“. Erst Jahre später erfährt Werner Mann, dass es sich um Manfred Rosenbaum, um einen der zwanzig Menschen handelte, die im vorderen Haus der Gastwirtschaft einquartiert worden waren. Auf der Suche nach etwas Essbarem durchforstete Rosenbaum damals das Haus.

Was war in Tröbitz geschehen?

Am 11. April 1945 verließ ein Zug mit 46 Wagen das KZ Bergen-Belsen. Darin befanden sich etwa 2.400 Menschen – jüdische Frauen, Kinder und Männer aus ganz Europa. Ziel war das KZ Theresienstadt. Doch in den Wirren der letzten Kriegsstage begann für die Insassen eine elftägige Irrfahrt ohne Nahrung und ohne Hygiene durch noch unbesetzte Gebiete Deutschlands über Lüneburg, Berlin und Doberlug-Kirchhain. Endstation Tröbitz. Heute ist dieser Zug als „Verlorener Zug“ bekannt. Typhus und Ruhr waren Mitreisende. Einige Dutzend fielen den Krankheiten bereits während der Fahrt zum Opfer. Weitere etwa 50 starben bei einem Luftangriff. Wenn der Zug hielt, wurden die Leichen am Bahndamm begraben. Die Zahl auf den Kilometersteinen blieb als Erinnerung. Am Abend des 22. April strandete der Zug in Tröbitz. Einige der Insassen liefen in das Dorf, um etwas zu Essen zu erbitten. Tags darauf, am 23. April, erreichte die Rote Armee Tröbitz.

Soldaten stießen dabei auf den Zug mit seinen völlig entkräfteten Insassen. Von den sowjetischen Befehlshabern dazu aufgefordert, sich um die Menschen zu kümmern, standen den knapp 700 Einwohnern des Dorfes etwa 2.000 ausgehungerte, kranke und hilfsbedürftige Menschen gegenüber. Sie sollten ihnen Herberge, Essen und Pflege geben. Eine kaum vorstellbare Situation. Für die an Typhus Erkrankten wurde außerhalb des Dorfes ein Notlazarett eingerichtet. Gepflegt wurden sie von jüdischen Ärzten, die selbst zu den ehemaligen Gefangenen gehörten. Auch Mädchen und Frauen aus Tröbitz gehörten zum Pflegepersonal. Die gesunden Jüdinnen und Juden wurden bei den Familien untergebracht und von ihnen versorgt. Nach etwa acht Wochen war der Typhus zum Stillstand gebracht. Die Krankheit forderte dennoch 300 Todesopfer. Auch 26 Tröbitzerinnen und Tröbitzer infizierten sich und erlagen der Krankheit. Im Juni 1945 begann die Rückführung der Überlebenden. Die meisten von ihnen durften in ihre Heimatländer zurückkehren. Bis Ende August hatten fast alle Insassen des „Verlorenen Zuges“ das Dorf verlassen. Viele von ihnen mussten ihre verstorbenen Angehörigen in Tröbitz zurücklassen.

Zurück zu den Manns: 

Dass es auch Manfred Rosenbaum war, der noch am selben Tag der seltsamen Begegnung im Keller alle Hühner der Manns schlachtete und mitnahm, gestand Rosenbaum erst bei einem persönlichen Treffen mit Werner Mann im Jahr 1995 in Tel Aviv. Mann bewertet im Rückblick die Zeit so: „Unser Leben änderte sich von heute auf morgen. Trotzdem hat meine Familie mit den Fremden in relativer Normalität gelebt. Unser Verhältnis war freundlich-distanziert.“ Die Monate seien zwar nicht frei von Konflikten gewesen, aber doch vernünftig. Er erinnert sich auch daran, dass zwei jüdische Frauen Eierkuchen mit ihm teilten und daran, dass ein griechischer Arzt seine erkrankte Schwester behandelte. Für den damals Zehnjährigen gab es auch weniger schöne Momente. Da war die Standpauke, nachdem er und seine Freunde beim Spiel am Dorfteich einen jüdischen Jungen verärgerten. Und da war der Moment, als er seine Spieleisenbahn abgeben musste. „Die eigentliche Dramatik aber spielte sich im Lazarett ab, wo täglich viele Menschen starben“, erinnert sich Werner Mann. Erinnerungskultur Die schmerzlichen und die guten Erinnerungen an diese besonderen Nachkriegswochen in Tröbitz haben Raum, unter anderem in einer Erinnerungsstätte, die in der evangelischen Grundschule des Ortes eingerichtet ist. Die Erinnerungskultur rund um die Ereignisse im April 1945 in Tröbitz ist facettenreich. Sie begann bereits zu DDR-Zeiten, damals nicht immer im Sinn der Opfer. Anfang der 1990er Jahre konnten mithilfe von Namenslisten Überlebende ausfindig gemacht werden. Es entstanden weitere Kontakte. Zum 50. Jahrestag der Befreiung 1995 wurde auf dem Jüdischen Friedhof eine neue Gedenkwand errichtet. Etwa einhundert Überlebende und ihre Angehörigen kamen zur Einweihung. 2015 kam eine Ausstellung „Der verlorene Transport von Bergen-Belsen nach Tröbitz“ dazu. Sie befindet sich vor dem Jüdischen Friedhof. Für jedes der 26 Tröbitzer Opfer wurde in Israel ein Baum gepflanzt. Werner Mann, der 1996 in Israel einige der Überlebende traf, hat versprochen, die Erinnerungen solange weiterzugeben, wie es ihm möglich ist.

Die Autorin dankt ihm für das freundliche Gespräch. Werner Mann war von 1990 bis 1998 Bürgermeister der Gemeinde Tröbitz.

Autorin: Franziska Dorn