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Manchmal ist es zu laut

Zum Frühstück geht bei uns immer das Radio. Mit meiner Frau höre ich die neusten Nachrichten. Da ist aber manch schöne Musik, mit der man beschwingt in den Tag gehen kann. Doch schon seit einigen Wochen habe ich mit diesem Ritual gebrochen. Beinahe möchte ich sagen: Egal, was aus dem Radio kommt. Es ist mir zu laut. Ich kann und will es einfach nicht hören. Die neusten Inzidenzzahlen und all die Gespräche um das Impfen. Klimawandel und Hoffnungen an die Klimakonferenz in Glasgow. Regierungsverhandlungen und neue Parteispitzen. Verkehrswende und steigende Kraftstoffpreise. So viele Dinge stürmen gerade auf einen ein, dass man es gar nicht mehr hören möchte. Vor ein paar Tagen hat mich eine Familie an das Sterbebett der Ehefrau und Mutter gerufen. Ganz friedlich lag sie im Bett. Ich habe ihr den Segen Gottes zugesprochen. Ich habe Liedverse gelesen. Wir haben miteinander das Vaterunser gesprochen. Dann haben wir aber auch ganz viel erzählt. Ich durfte hören, was der Ehemann und die Kinder mit der Verstorbenen erlebt hatten, wofür sie einfach nur dankbar sein können. Es war trotz des Todes ein so friedliches Beisammensein. Ja, in diesen Tagen werden wir wohl alle an das Ende des Lebens erinnert. In den Kirchen wird der Verstorbenen des zurückliegenden Kirchenjahres gedacht. An den Gräbern mögen so manch wehmütige Erinnerungen kommen. Mögen all die Dinge dieser Tage und Wochen nicht zu laut sein, dass wir im Frieden und getrost Gedenken und Trauern können. 

Michael Seifert ist Pfarrer im Kirchenkreis Bad Liebenwerda