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Sylvia Lehmann: Politik kann es nicht jedem recht machen

Seit der Wende ist Sylvia Lehmann aus Märkisch Heide politisch aktiv, zuerst in der Kommunalpolitik, dann für 15 Jahre als Abgeordnete im Landtag und seit Dezember 2019 im Deutschen Bundestag. Nun will sie ihren politischen Weg fortsetzen und kandidiert im September erneut für ihre Partei, SPD. Ein Interview.

Frau Lehmann, unser Magazin trägt den Titel „VON WEGEN“. Welches Ereignis in Ihrem Leben hat Sie auf den politischen Weg gebracht?

Das war mein Elternhaus, vor allem die Gespräche in der Familie am Esstisch. Mein Vater hat in den 70er und 80er Jahren die Ostpolitik von Willy Brandt und Helmut Schmidt verfolgt. Er hatte immer die Hoffnung, seine zwei Brüder wiederzusehen, die im Westen Deutschlands lebten. Dank der Reiseerleichterungen kam es auch so. Ich lernte drei „neue“ Cousins kennen. Das waren die Wurzeln, die mich politisierten. Nach der Wende war für mich klar, dass ich der SPD beitrete.

War es die richtige Entscheidung?

Ja! Ich bleibe dabei!

Wenn Sie auf mehr als 30 Jahre politische Arbeit zurückblicken, kamen Ihnen einmal die Tränen, als …

Matthias Platzeck sein Amt aus gesundheitlichen Gründen niederlegen musste und als Klaus Ness ganz plötzlich verstarb. Die Tränen auch deshalb, weil es mir sehr deutlich gemacht hat, wie Politik an der Gesundheit nagt. Ich habe gelernt, dass man Prioritäten setzen muss und man sich nicht über jedes Ding fürchterlich aufregen darf.

Und jubiliert haben Sie, als …

ich bei der Landtagswahl 2009 das Direktmandat geholt habe. Damals bin ich gegen die CDU-Landesvorsitzende und damaligen Wissenschaftsministerin Johanna Wanka angetreten. Das war mein größter persönlicher politischer Erfolg und ein kleiner Grund zum Jubilieren. Ansonsten kann ich – ohne dass es ausschlägt – innerlich jubilieren, wenn Bürgerinnen und Bürger bei mir waren und ich helfen konnte.

Welche politischen Überzeugungen haben Sie auf Ihrem Weg als Politikerin über Bord werfen müssen, welche sind dazugekommen?

Überzeugungen weniger, aber manche Vorstellungen von Politik musste ich über Bord werfen. Als ich in die Politik ging, dachte ich: „Nun bin ich der Souverän. Nun kann ich was bewegen und das Land gestalten.“ Man wird dann doch schnell von der Realität eingeholt. Alles geht in fürchterlich kleinen Schritten. Man braucht vor allem Mehrheiten und man muss erfahren, dass in der Fraktion nicht alle so denken wie du. Das ist die Realität.

Welcher politische Kampf, welche Entscheidung hat sich im Nachhinein als falsch herausgestellt?

Ich habe die Entscheidungen zu den Corona-Maßnahmen mitgetragen, aber ich wusste nicht, ob es richtig ist. Die zweite schwierige Sache war das Kohleausstiegs- und das Strukturstärkungsgesetz. Deshalb, weil ich Sorge habe, dass wir den Strukturwandel auch wirklich zeitnah und ordentlich hinbekommen, dass nicht zu viele Menschen hinten runterfallen.

Und welche Entscheidung hat sich als goldrichtig erwiesen?

Als in den 90er Jahren die Landkreise neu gebildet wurden, war ich leidenschaftliche Verfechterin des heutigen Landkreises Dahme-Spreewald. Viele wollten einen großen Spreewaldkreis. Ich hatte bereits damals gesehen, dass die Wirtschaftskraft im Norden liegt und weniger im Tourismus des Spreewaldes. Da hatte ich den richtigen Riecher. Goldrichtig war das neue Gesetz zum öffentlichen Gesundheitsdienst. Es war die Zeit, in der sich die Fälle von Kindesmisshandlung häuften. Aus meiner Sicht hat das hart umkämpfte Gesetz Wirkung gezeigt. Darauf bin ich ein bisschen stolz.

Was bringt Sie im Politikbetrieb so richtig auf die Palme?

Wenn nur palavert wird: Blabla! Wenn viel gesprochen und nichts gesagt wird. Wenn nur von oben herab schwadroniert wird. Mich ärgert die Selbstdarstellung – vor allem im Bundestag – weil es darum nicht geht. Was halten Sie vom Parité-Gesetz? Ich bin ja Frau! Ich muss es gut finden! (lacht). Nein, ich finde es wirklich gut. Auch meine Partei hat Nachholbedarf: Da steht die Männerriege, alle in ihren schwarzen Anzügen und halten die Schippe in der Hand und freuen sich über den Spatenstich! Das ärgert mich oft genug.

Sie sind evangelisch. Sollte sich Ihre Kirche zu politischen und gesellschaftlichen Fragen äußern?

Ja. Ich würde gern häufiger wissen, welche Haltung meine Kirche zu verschiedenen Themen hat. Kirche sollte nicht parteiisch sein, aber doch politisch. Die Haltung der Kirche kann anderen Orientierung geben. Mir tut es gut. In meiner Gemeinde gab es einen Pfarrer, der war SPD-Mitglied. Das hat er nie raushängen lassen. Seine Predigten waren aber oft politisch und gaben Anstoß zum Nachdenken.

Haben Sie wegen politischer Einstellungen Freunde verloren?

Da gibt es eine Frau aus meinem Umfeld, die sich sehr negativ über die Flüchtlinge geäußert hat und dazu in den sozialen Netzwerken aktiv wurde. Das Thema würde uns spalten. Ich treffe mich trotzdem mit ihr, und wenn sie davon anfängt, sage ich: „Komm, wir sparen das Thema aus!“. Ob das richtig ist, weiß ich nicht. Ich wollte sie nicht als Freundin verlieren.

Welches grundsätzliche Problem kann Politik nicht lösen?

Die Eigenverantwortung. Die kann man niemanden abnehmen. Man kann sich nicht zurücklehnen, nach oben schauen und sagen: „Politik, nu mach mal!“ Jeder ist aufgefordert, mitzutun. Und: Politik kann es nicht jedem rechtmachen. Auch für gute Laune ist jeder selbst zuständig. Wir meckern und nölen zu viel.

Mit welchem Klischee und Vorurteil über den Politikbetrieb oder über Politiker würden Sie an dieser Stelle gern aufräumen?

Dass wir „die da oben“ sind. Dass wir vom „grünen Tisch aus“ entscheiden. Und dass wir nicht wissen, wie das Leben tickt. Das alles würde ich für mich von mir weisen. Ich fühle mich den Menschen in meiner Region sehr verbunden. Ich meine, deren Sorgen und Freuden zu kennen.

Welche politische Phrase geht Ihnen am meisten auf die Nerven?

„Das ist alles so komplex!“ Das kann ich nicht mehr hören. Damit suggerieren wir dem Gegenüber, dass er/sie zu blöd ist, etwas zu verstehen. Wenn es komplex ist, haben wir die Aufgabe, es zu erklären. Die Welt ist nicht schwarz und weiß. Man muss sich Zeit nehmen, das zu erläutern.

Was fehlt zurzeit in unserer Gesellschaft?

Der Zusammenhalt. Wir müssen vom „Ich“ wegkommen. Ich wünsche mir, dass man mehr auf den anderen schaut. Ich nenne nur mal Moria. Im vergangenen Jahr ist das Lager abgebrannt. Das war zunächst eine menschliche Katastrophe und hatte nichts mit Flucht und Asyl zu tun. Was haben wir gemacht? Wir haben zwei Tage darüber geredet. Die Medien haben Bilder gesendet und dann? Nichts. Man hätte anders helfen müssen.

Was macht Ihnen Hoffnung?

Hoffnung macht mir die nachfolgende Generation. Ich habe das Gefühl, die verstehen dieses vereinte Deutschland besser. Sie haben ein klareres Demokratieverständnis als manche Menschen in meiner Generation. Ich hoffe, dass sie darauf achten, dass unser Rechtsstaat stabil bleibt.

Die Fragen stellte Franziska Dorn.