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RSSPrint

Trauer ist Liebe

13.11.2020

Wenn es Herbst wird und es früh noch und abends schon dunkel ist, dann greifen wir nach Kerzen, um Licht um uns zu sehen. In dieser dunklen Jahreszeit sind ganz viele Gedenktage, die daran erinnern, dass wir sterben müssen und der Schmerz der Trauer schwer ist. Trauer ist eine Reaktion auf den Verlust von Liebe, von Zuwendung. Trauer ist also nicht das Problem, sondern eine Lösung. Trauer ist Liebe. Sie ist die Verbindung zu einer für immer abwesenden Person. Mit dem Verlust läuft sie zunächst ins Leere, denn Worte, Blicke und Berührungen bleiben unbeantwortet. Es gibt keine Resonanzen mehr. Trauer ist eine Gemütsstimmung, die sich ausdrücken möchte. Dazu gehören das Reden, Erinnern, wie auch die Abschiednahme und die Beerdigung. Die Liebe wandelt sich darin und Rituale helfen bei dieser schmerzhaften Transformation. Darum sind Friedhöfe (auch virtuelle) wichtige Orte. 

Jeder Mensch erfährt Trauer in seinem Leben. Die Ursachen können vielfältig sein, der Tod, eine schwere Krankheit, der Weggang des Partners, ein Zerbrechen einer Beziehung, der Auszug der erwachsen gewordenen Kinder, der Tod eines Tieres, ein schwerer Unfall, und so weiter… Wir empfinden Trauer darüber, weil ein Teil unseres Lebens einer Veränderung unterliegt.

Zur Trauer gehört der Schock über die Todesnachricht, die so schwer zu verstehen ist oder der Schock über den Tod selbst, wenn jemand beim Sterben anwesend war. Zur Trauer gehören auch Wut und Verzweiflung. Zur Trauer gehört auch Einsamkeit und Orientierungslosigkeit von Hinterbliebenen. Wer das durchmacht, weiß, wie schwer Trauerzeit ist. Hier können Menschen einander eine Stütze sein, indem sie bereit sind, einem Trauernden zuzuhören. Einfach da sind. 

Heute geht die Forschung nicht mehr davon aus, dass die Trauer linear verläuft: sie beginnt nicht am Tag x und sie endet an einem Tag y. Sondern sie verläuft auf mehreren Ebenen und kommt mehr oder weniger stark immer mal wieder zurück, wie die Gezeiten. Trauernde beschäftigen sich mit dem Verlust und schauen zurück in die Vergangenheit, als der geliebte Mensch noch da war. Auf der anderen Seite entwerfen sie ein neues Leben und wenden sich der Gegenwart und Zukunft zu. Meist wechseln Hinterbliebene mehrfach am Tag zwischen beiden Polen hin und her, was eine der Ursachen dafür ist, dass Trauer so anstrengend ist. 

Mit der Trauer gestalten wir unser Leben. Und ich wünsche Ihnen, dass sie gute Menschen auf ihren Wegen der Trauer an ihrer Seite haben. 

Kerstin Höpner-Miech ist Pfarrerin in Massen/Niederlausitz