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Verwegen? Segel deinen Traum

Eckehard Schulz wohnt in Lübben. Der 57-Jährige Wirtschafts- und Maschinenbauingenieur reiste 2019 gemeinsam mitseinem Freund Frank Krupinska nach Spitzbergen. Reiseerinnerungen.

Was, wo willst Du hin? Spitzbergen, wo liegt denn das? Mit dem Segelboot? Du bist ja verrückt! Das waren die Reaktionen, die ich als Antwort auf meine Pläne bekam. Ich gebe zu, dass auch ich erst nachgeschaut habe, wie weit Svalbard (deutsch: Spitzbergen) von Norwegen entfernt liegt.

Svalbard ist eine zu Norwegen gehörende Inselgruppe mit etwa doppelt so großer Fläche wie Brandenburg. Sie liegt im Nordpolarmeer. Große Teile des Jahres ist sie von Meereis eingeschlossen. Mit einem Segelboot reisen? Dafür gibt es verschiedene Gründe. Für mich sind es das langsame Reisen, wobei der Weg das Ziel ist, und das hautnahe Erleben der Natur. Dafür könnte man doch auch mal Beschwerlichkeiten in Kauf nehmen, oder?! Die Reise, von der ich hier erzähle, habe ich zusammen mit einem Freund auf seinem Segelboot unternommen.

Bei ihm für eine Etappe anzuheuern, interessierte mich schon sehr. Ich hatte aber großen Respekt vor dem Nordmeer und den Entfernungen. Bin ich verwegen? Fast sechs Tage lang sind wir ohne Landsicht bei allen Wettern mit einem kleinen Segelboot von Svalbard nach Nordnorwegen gesegelt. Danach haben wir die glückliche Überfahrt wie Helden gefeiert. Von Longyearbyen auf Svalbard aus haben wir die Westseite der Inselgruppe erkundet. Hier fließt der atlantische Golfstrom, sodass in den Sommermonaten kein Treibeis zu erwarten ist. Die erste große Umstellung war meine innere Uhr. Schlagartig hatte ich mich an 24 Stunden Helligkeit zu gewöhnen. Bis zum 79. Breitengrad sind wir vorgedrungen und haben in absoluter Einsamkeit auf einer Insel stundenlang die großartige Naturschaubühne bestaunt. Auf Svalbard ist man als Tourist komplett auf sich gestellt. Schnelle ärztliche oder technische Hilfen sind nicht möglich. Es gibt kaum Mobilnetz hier aus zu seiner erfolgreichen Expedition zum Nordpol gestartet. Das Wetter war uns weiter hold, sodass wir zur russischen Stadt Pyramiden (inzwischen eine Geisterstadt) segeln konnten.

Unser Landgang ist nur mit einem Gewehr zur Eigensicherung vor Angriffen von Eisbären erlaubt. Das konnte mein Skipper mit der entsprechenden Genehmigung des Sysselmann- Gouverneurs von Spitzbergen – seit Jahren übrigens eine Sysselfrau – mieten. Könnte mein Käpt’n es auch unter Stress bedienen? Ich bin mir nicht sicher. Schließlich hat er genau wie ich nie eine militärische Ausbildung an der Waffe „genossen“. Entsprechend unter Spannung laufen wir durch die verlassene Siedlung und suchen das in der Reiseliteratur beschriebene, zum Hotel umfunktionierte Haus. Endlich, nach einer Begegnung mit einem Polarfuchs in der surrealen Stadt, finden wir das Haus, in dem einige jüngere Menschen ganzjährig wohnen, um die russischen Gebietsansprüche aufrecht zu erhalten. Von hier aus segeln wir zur russischen Siedlung Barentsburg, um von dort aus in die Verwaltungshauptstadt von Svalbard zurückzukehren. Hier im Dauerfrost gibt es die größte Saatgut-Bank und den einzigen eisbärsicheren Kindergarten der Welt. Auf Svalbard gibt es Tourismus, nur anders als von uns gewohnt.

Für einen Kurzstopp machen hier auch Kreuzfahrtschiffe mit für diesen kleinen Ort viel zu vielen Menschen fest. oder Internet. Selbstversorgung und Selbstverantwortung sind also Grundvoraussetzungen. Für mich hatte die ganze Sache Expeditionscharakter. Natürlich gab es auch kleine und auch große technische Probleme, die wir mit Bordmitteln beheben mussten. Hier habe ich die Erfahrung gemacht, wie wichtig es ist, sich aufeinander verlassen zu können. Und ich habe Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten gewonnen. An einer navigatorisch engen Stelle in der Nähe des Kap Poole Pynten wurden wir z. B. von magnetischen Anomalien überrascht. Hier funktioniert der Kompass nicht mehr richtig und fast gleichzeitig stieg der Autopilot des Segelbootes aus. Der Adrenalinspiegel stieg schnell an. Es gibt natürlich keine Seezeichen, Betonnungen und nur wenige Tiefenangaben in der Karte.

Dann ist es Glück, wenn die Sicht gut ist und das Wetter nicht umschlägt. Das Problem konnten wir „fixen“ und sind dann um zwei Uhr morgens – es ist taghell – mit einem Schlauchboot auf der Insel Prins Karl Vorland an Land gegangen. Dort konnten wir eine riesige Walrosskolonie aus etwa 20 Meter Entfernung beobachten und (leider) auch riechen. Vorher waren wir in Ny Alesund, der nördlichsten Siedlung der Welt. Früher gab es hier Kohleminen. Heute wohnen hier ganzjährig überwiegend Wissenschaftler. 1926 war der bekannte Norweger Roald Amundsen von Die Belohnung für all unsere Verwegenheit sind die unvergessliche Natur und die Tierbeobachtungen aus nächster Nähe.

Das stille Dahingleiten unter Segeln ist überwältigend. Der einzige Eisbär, den wir zu Gesicht bekamen, war eine knappe Seemeile von uns entfernt und nur als kleiner weißer, aber immerhin bewegter Punkt, mit dem Fernglas auszumachen. Wale sahen wir aus nächster Nähe und Delphinschulen begleiteten uns eine lange Zeit. Ein kleines Abbruchstück vom Conwaybreen Gletscher auf dem 79. Breitengrad haben wir für unsern Whisky aus dem Fjord gefischt. Es verschlägt einem die Sprache, wenn man an den faszinierenden Gletschern vorbeisegelt, die im Sonnenlicht strahlen und glitzern.

In dieser manchmal unwirklichen Stille fühlten wir uns so klein und unbedeutend, aber reich beschenkt. Im Sommer 2020 gab es auf Spitzbergen eine Hitzewelle, vier Tage hintereinander Temperaturen über 20 °C. Die Gletscher sind bedroht, das Eis schmilzt immer schneller. Der Klimawandel lässt sich hier wie im Zeitraffer beobachten. Wir konnten die Schönheit der Schöpfung bewundern, schaffen wir es auch, sie zu bewahren? 

Autor: Eckehard Schulz