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RSSPrint

Wie neu geboren

01.04.2021

Für mich ist das Kirchenjahr wie ein stützender Rahmen, in dem sich die wechselnden Zeiten meines Lebens wiederfinden. Jeder Sonntag hat einen speziellen Namen mit einer eigenen Klangfarbe. Die Sonntage nach Ostern haben besonders schöne Namen. Quasimodogeniti heißt der erste Sonntag nach Ostern. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen! Aus dem Lateinischen übersetzt heißt das:  "Wie die neugeborenen Kinder." Zu Ostern staunen wir, dass Jesus den Tod besiegt hat. Aber können wir das auch glauben? Die Schatten von Karfreitag wirken noch nach, so wie auch in unserem Leben Schmerzen, Verlust und Trauer oft noch lange nachwirken. Das Kirchenjahr nimmt sich dafür gerade mal eine Woche Zeit. "Wie die neugeborenen Kinder zu sein" - welche Aussicht! Auf einmal taut das Eis in mir wie im Osterspaziergang aus Goethes Faust: "Vom Eise befreit sind Strom und Bäche". Die dicke Schale springt auf, die mein Herz umschlossen hielt. Das ist dann wie eine neue Geburt: Das erste Mal wieder befreit lachen können nach der bleiernen Zeit. Das erste Mal wieder meine Freunde umarmen können. Mich das erste Mal wieder ohne Angst unter ein "buntes Gewimmel" vieler Menschen mischen! Wie sehne ich mich danach. Und ich ahne es voraus. Es wird so sein, auch wenn es noch länger als eine Woche dauert. Vorerst staune ich über jede aufspringende Knospe im Garten. Sie sagt mir: auch du wirst aufbrechen ins Leben. Jesus Christus ist schon vorausgegangen zu Ostern.

Brigitte Müller-Lindner, Pfarrerin in Trebbus